Warum ich gegen ein starkes Europa bin

(von JohnG/Right Speak)

Ich habe kürzlich darüber geschrieben, warum ich den Europäischen Stabilitätspakt nicht unterstütze und auch, warum ich überwiegend pessimistisch bin mit Blick auf die Zukunft der Eurozone.

Aber es gibt noch ein Thema, auf das ich bisher noch nicht eingegangen bin: Die Idee eines starken Europas selbst. Was mir aufgefallen ist, ist die Selbstverständlichkeit, mit der jeder davon ausgeht, ein starkes Europa wäre etwas Positives. Wir unterhalten uns gar nicht darüber, ob ein starkes Europa überhaupt eine gute Idee ist, nur darüber, wie wir es erreichen. Manche denken (und sie könnten Recht behalten), dass die Eurozone langfristig die europäische Einheit schwächen wird und sind deshalb gegen diese.

Aber warum wollen wir die europäische Einheit wirklich?

Die kurze, realistische Antwort ist: Um eine Konkurrenz zu den USA aufzubauen, die Spitzenposition einzunehmen und in der Folge die wichtigste Supermacht der Welt zu werden. Andere, idealistische Antworten beinhalten das Ziel der „Verhinderung eines Dritten Weltkriegs“ – aber seien wir ehrlich: die EU hatte nie irgendetwas mit der Verhinderung eines möglichen Dritten Weltkriegs zu tun. Ein Dritter Weltkrieg war nie wahrscheinlich, und wenn, dann vor allem zwischen den USA und der Sowjetunion (damals, als die Europäische Gemeinschaft gegründet wurde). Und es gab schon die UNO, um das zu verhindern. Außerdem würde sich ein Dritter Weltkrieg heute nicht zwischen Großbritannien und Deutschland abspielen, sondern eher zwischen den USA und Rußland, China oder dem Iran (womit ich nicht sagen will, dass dies wahrscheinlich ist, aber das Argument als solches bleibt).

Deshalb meine Frage und ich hoffe, es kann sie mir jemand beantworten (denn das ist bislang noch nicht geschehen): Warum sollten wir den USA den Rang ablaufen wollen? Was wäre so gut an einem starken Europa?

Meine Hauptgründe, um ein starkes Europa abzulehnen, sind folgende:

1.) Die USA sind eine wirklich gute Supermacht

Anders als das Römische Reich, Frankreich, Großbritannien und alle anderen früheren Supermächte, töten die USA nicht jene, die mit ihnen nicht übereinstimmen. Sie fahren nicht um die Welt, um natürliche Ressourcen zu stehlen, Menschen in die Sklaverei zu verbringen und wo immer sie hingehen den Menschen ihre Kultur aufzuzwingen.

Es gab nie eine Zeitepoche in der Geschichte ohne eine Supermacht, deshalb ist es völlig sinnfrei, die erste wirklich gute davon zu unterminieren.

2.) Amerikanische Werte sind besser als europäische

Es ist ohnehin schwer zu sagen, was „europäische Werte“ überhaupt sind, da jedes Land mehr oder minder seine eigenen Werte hat. Nichtsdestotrotz lässt sich mit Sicherheit sagen, dass die amerikanischen Werte, die auf Unternehmertum, individueller Freiheit und lokaler Regierung beruhen, weltweit die europäischen Werte übertreffen.

Warum sollten wir einem Land den Rang ablaufen wollen, von dem jeder Konservative sagen kann, dessen Werte wären großartig? Zweifellos wird man dem nicht zustimmen, wenn man Sozialist ist – aber an die ist dieser Beitrag nicht gerichtet, sondern im Wesentlichen an politisch rechts stehende Europäer, die aus welchen Gründen auch immer nach wie vor ein starkes Europa befürworten.

Auch wenn sich europäischer Konservatismus von amerikanischem unterscheiden mag, sollte es selbst für europäische Konservative offensichtlich sein, wer den Vorteil in der Werteabteilung hat.

3.) Was würden wir mit unserer Macht anstellen?

Würde Europa je eine Supermacht werden, was würden wir tun? Was wäre das Ziel unserer „Herrschaft“? Die USA werben für Demokratie und Freiheit in aller Welt – würden „Vereinigte Staaten von Europa“ das tun? Und wenn das so sein sollte – warum sollten wir dann die USA übertreffen wollen? Die machen das doch schon!

Oder ist es etwa – wie ich vermute – so, dass wir Macht nur um der Macht Willen suchen? Das wäre in der Tat sehr europäisch (wenn man an alle europäischen Länder denkt, bei denen das im Verlaufe der Geschichte der Fall war), aber kaum wünschenswert.

4.) Eine Supermacht braucht eine Armee

Derzeit stellen die USA mehr als die Hälfte aller weltweit für militärische Verteidigungszwecke aufgewendeten Geldmittel. Wäre Europa dazu bereit?

Wahrscheinlich nicht – wir haben genügend Probleme, unsere Wohlfahrtsstaaten zu bezahlen, wir könnten es uns erst recht nicht leisten, kriegsführende Staaten zu werden.

Jede Supermacht hatte bislang die Fähigkeit, militärische Stärke zu nutzen, um ihre Interessen durchzusetzen. Die USA können es, die Sowjets konnten es, China ist auf dem besten Weg, dies zu tun.

Aber Europa? Ja, Frankreich intervenierte in Libyen, aber niemand wird ernsthaft glauben, dass die Europäische Union irgendwann in den nächsten Millionen Jahren im Irak einmarschiert wäre, egal was Saddam Hussein gemacht oder geplant hätte.

Wenn wir nicht mal den Willen aufbringen, den erforderlichen Militäretat aufzubringen, um eine Supermacht zu werden, warum sollte man es dann überhaupt versuchen? Egal, wie stark wir in weltweite Entscheidungsprozesse einbezogen würden: Ohne starke Armee kann man einfach keine Supermacht sein.

5) Ein starkes Europa schwächt die europäischen Staaten

Dies betrachte ich als das stärkste Argument gegen ein starkes Europa. Ich bin Europäer und ich liebe Europa. Aber ein starkes Europa macht jeden Mitgliedsstaat schwächer – und das ist das Gegenteil dessen, was man in einem Teamwork anstreben sollte (in einem gut funktionierenden Team ist das Team stärker als alle Einzelteile zusammen).

Man betrachte Frankreich und Deutschland: Sie werden dazu gezwungen, den Zahlmeister für Südeuropa zu machen. Man betrachtet Deutschland oft als den Gewinner der Eurozone, als das einzige Land, das von der gemeinsamen Währung profitiert hätte. in 5 bis 10 Jahren wird das kaum mehr der Fall sein.

Und was ist mit Südeuropa und Irland? Ihre Wirtschaften wurden Anfang der 2000er-Jahre durch die von Deutschland kontrollierte EZB überhitzt und jetzt gerät ihr Staatshaushalt außer Kontrolle. Ihr gesamter Lebensstil, ihre gesamte Kultur werden durch die Krise bedroht – man könnte zwar sagen, es wäre ihre eigene Schuld gewesen, sie hätten wissen müssen, worauf sie sich mit der Eurozone einlassen, trotzdem ist es eine Tragödie.

Es gibt am Ende keinen Gewinner – jeder ist geschwächt.

6.) Durch die EU kehrt der Rassismus zurück

Zu den schlimmsten Konsequenzen des EU-Projekts gehört, dass es – wenn auch wohl nicht beabsichtigt – Rassismus fördert.

Rassismus sollte heute auf dem Müllhaufen der Geschichte liegen, insbesondere in Europa. Aber siehe da – er ist mit voller Kraft zurück. Es ist mittlerweile wieder völlig akzeptabel, über die „faulen Griechen“ zu schimpfen, über die „dummen Iren, die ihr gesamtes Geld versaufen und deshalb ihre Hypotheken nicht bezahlen können“ oder die „spanischen Trottel, die Stierkämpfe abhalten, statt zu arbeiten“. Umgekehrt ist es in den PIIGS-Staaten üblich und sozial akzeptiert, von „deutschen Austeritäts-Nazis“ oder „französischen Vichy-Kollaborateuren“ zu sprechen.

Ich denke nicht, dass es in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg irgendwann einmal unter Europäern so viel Hass untereinander gegeben hätte wie jetzt. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis man die Schuld an allem wieder mal auf die Juden schiebt – Moment mal, das ist ja auch schon wieder der Fall…

Dieser Hass untereinander ist nicht der Normalzustand. Hätte man vor 30 Jahren einen Schweden gefragt, was er von den Spaniern hält, er hätte gesagt, sie wären ein faszinierendes, bewundernswertes Volk. Heute würde man wahrscheinlich irgendwelche Rülpser dahingehend hören, dass diese ein Haufen nichtsnutziger, Siesta machender Dummköpfe wären.

Es ist nicht gesund, zu nahe aneinander gefesselt zu sein. Hätten wir es bloß den Spaniern, Griechen und dem Rest erlaubt, ihren entspannten Lebensstil mit hoher Inflation usw. beizubehalten, nichts hätte sich geändert. Die Deutschen (und der Rest der Nordeuropäer) hätten ihre effizienzorientierte, hart arbeitende Kultur beibehalten können und jeder wäre glücklich gewesen. Aber die EU hat einen internen Kulturkrieg entfacht, in dem jeder die Kultur und den Lebensstil des anderen schlecht macht.

Je stärker Europa wird, umso mehr von diesen Entwicklungen wird man sehen können. Ich bin überzeugt davon, dass wir bald von Hassverbrechen gegen griechische und spanische Einwanderer in Deutschland und Frankreich hören werden, wenn es so weitergeht.

Alle Kulturen haben ihr Gutes, aber Länder mit so radikal unterschiedlichen Kulturen wie Deutschland und Spanien ertragen es einfach nicht, in der gleichen Union zu sein.

Was schließen wir daraus?

Ich glaube nicht an ein starkes Europa. Ich glaube an ein starkes Deutschland, ein starkes Frankreich, ein starkes Schweden, ein starkes Irland usw. – aber nicht an ein starkes Europa. Jedes Land ist alleine stärker als Europa es je sein würde.

Ein Gegenargument wäre, dass ein starkes Europa die USA nicht ersetzen, sondern unterstützen könnte, zB im Krieg gegen den Terror. Das Problem dabei ist aber dass 1) nicht alle Länder gewillt sein könnten, die USA zu unterstützen (und so weit ich es abschätzen kann, würden die meisten es nicht tun) und 2) nicht jedes Land die USA auf die gleiche Weise unterstützen könnte. Deutschland und Großbritannien mögen groß genug sein, um Truppen zur Verfügung zu stellen, andere Ländern hätten nicht die ausreichenden Kapazitäten dafür.

Außerdem sollte jedes Land selbst entscheiden, ob es die USA bei ihren weltweiten Missionen unterstützen möchte oder nicht.

Was ist also mein Vorschlag? Um es so einfach wie möglich zu sagen: Die Europäische Union (nicht die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft) und mit ihr die Eurozone sollten schnellstmöglich aufgelöst werden. Ich sage es ganz offen…

Eine Antwort zu “Warum ich gegen ein starkes Europa bin

  1. Mir scheinen die Argumente vernünftig genug – und dazu noch ehrlich – „Karten auf dem Tisch“!

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