Konservative Revolte in der Arbeiterbewegung

Gastbeitrag eines jungen Gewerkschafters und Sozialdemokraten

Warum revoltieren „Linke“ und auch die ganzen Occupy Aktivisten und „Wutbürger“ nur gegen alles Materialistische und Weltliche, aber nicht wirklich gegen sich selbst? Ich kann dem Begriff des „Reaktionärs“ zunehmend auf das eigene Ich und die reale Welt bezogen etwas Positives abgewinnen.

Der „Reaktionär“ revoltiert gegen die Moderne und im Bestreben, unbedacht Vergessenes wieder in Erinnerung zu bringen. Dazu gehört für ihn vor allem, dass die Welt sich nicht auf einen vernünftigen Begriff bringen lässt.

Reaktionär sein heißt, nicht an bestimmte Lösungen zu glauben, sondern ein scharfes Gespür für die Komplexität der Probleme zu haben. Der Reaktionär weigert sich, die Inkohärenz der Dinge zu vergewaltigen; er widerspricht sich, weil er der Realität allein Treue geschworen habe.

Der aufklärerische Rationalismus ist hierbei keinesfalls „Ausübung der Vernunft“, sondern vielmehr Ergebnis bestimmter philosophischer Unterstellungen, die den Anspruch erhoben hatten, „mit der Vernunft in eins gesetzt“ zu werden.

Der Reaktionär behauptet gegenüber der Aufklärung nicht, dass es keine universalen Prinzipien gebe, sondern bestreitet, dass die von der Aufklärung verkündeten Prinzipien Teil der universalen Prinzipien seien. Der Reaktionär strebt nicht danach, rückwärts zu gehen, sondern die Wegrichtung zu ändern.

Der Reaktionär zieht jedem wissenschaftlichen oder systematischen Weltbild die Erkenntnis des zwar unzusammenhängenden, aber dafür unmittelbar Gegebenen vor. Wozu für den Reaktionär unbedingt als zentraler Kraftkern auch die Werte zählen.

Der zentrale Kraftkern dieses Denkmusters ist das Prinzip des „Wertes“ als einzige empirisch belegbare Wissenschaft. In Bezug auf meinen eigenen Lebenslauf habe ich bei meiner Wandlung vom „Linken/Kommunisten“ hin zum „Preußischen Sozialisten (O-Ton Baustelle) nichts am eigentlichen Wert verloren sondern sehe in der permanenten radikalen und emanzipatorischen Revolte des eigenen Weltbildes und der Berücksichtigung der Realität das einzig Progressive, um Freiheit als Arbeiter zu gewinnen und zu erlangen.

Für die Arbeiterbewegung gilt dasselbe. Sie kann sich erst befreien und sich bewegen, wenn sie sich von den Klischees und Trübungen der „Linken“ löst und zu einem Standesbewusstsein zurück findet, welches in der Zukunft liegt. Wir reden vom Stolz der Arbeiter, aber verwässern ihn mit faden Worten der „Solidarität“ und des „Internationalismus“ in romantischer Form.

Wir verweigern uns der Realität des Arbeiters, der im Kern immer wertekonservativ war und es auch sein wird. Wir bejahen die Tradition in Worten und Parolen, aber wir spucken auf die Realität der eigentlichen Tradition.

Wollen wir die Arbeiterbewegung an die Erfordernisse der Zeit anpassen, so ist es lächerlich, einen Klassenkampf zu propagieren oder auf Gleichmacherei und Gutmenschentum zu setzen. Die Tradition der Arbeiterbewegung ist nicht staatstreu, sondern richtet sich gegen die Kontrolle durch eine Staatsmacht bzw. will ihm eine eigene Macht entgegen setzen. Sie ist in ihrem Kern liberal.

Die Tradition der Arbeiterbewegung ist nicht solidarisch im romantischen Sinne linker „Intellektualität“, sondern nach Stand und Wert gerichtet und dies bedeutet, den Klassenkampf zu überwinden und auf andere Formen des Widerstands und der Zusammenarbeit im Sinne des Berufsstandes zu setzen.

Der Widerspruch ist Bestandteil der Tätigkeit vieler aktiver Kolleginnen und Kollegen (vor allem Hauptamtlicher). Seien wir ehrlich mit uns selber und revoltieren wir gegen aufgesetzte Ideale, fade Parolen und dem Gefühl, dass wir uns selbst belügen!

Und entgegen der Meinung vieler neulinker Soziologen (da war sogar Max Weber näher an der Realität) spielen Werte, Tradition, Standesbewusstsein, Glaube und auch Prinzipientreue selbst für den einfachsten Arbeiter eine gewisse Rolle. Nur die Ausprägung ist verschieden stark…. und sie steht der umfassenden, standesübergreifenden linken „Solidarität“ entgegen.

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