A job well done – George W. Bush und seine Memoiren „Decision Points“

Viele haben wahrscheinlich noch jenes Bild vor Augen, als der 43. Präsident der USA, George W. Bush, auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln das Ende der Kampfhandlungen im Irak verkündete und hinter ihm ein von seiner Begleitmannschaft angebrachtes Transparent mit der Aufschrift „Mission accomplished“ prangte. Kaum einer wusste, dass der Präsident selbst diese Inszenierung für das TV gar nicht kannte und sie auch nicht gutgeheißen hätte. Bush wusste, dass die Aufgabe, die auf ihn und auf die zukünftige demokratische irakische Regierung warten würde, mit dem Sturz Saddams erst begonnen hatte.

In den meisten heimischen Medien wurde die Besprechung von „Decision Points“, dem im November 2010 erschienenen Memoirenband des 2009 aus dem Amt geschiedenen Präsidenten, im Wesentlichen auf zwei Punkte reduziert. Das war zum einen die Darstellung, der damalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder hätte für den Fall des Scheiterns aller diplomatischen Bemühungen im Irak zum Ausdruck gebracht, einen Militäreinsatz gegen die Diktatur Saddam Husseins unter bestimmten Voraussetzungen zu befürworten. Schröder und sein Regierungssprecher bestritten dies vehement. Fakt ist jedoch, dass Schröder im Sommer 2002 – zu einem Zeitpunkt, da sowohl Bush als auch sein treuester europäischer Verbündeter Tony Blair alle Hoffnungen auf die Diplomatie gesetzt hatten – kurz vor der Bundestagswahl abgeschlagen hinter seinem Herausforderer Stoiber lag und neben der Flutkatastrophe erst das Unterfangen, sich auf Kosten der USA zu profilieren, die entscheidende Wende im Wahlkampf für ihn brachte.

Zum anderen ging es um seinen – recht positiven – Eindruck von Angela Merkel und um seinen Besuch in Mecklenburg-Vorpommern im Vorfeld des G-8-Gipfels in St. Petersburg 2006. Das war aber ebenfalls nur eine relativ unwesentliche Anekdote, wenn man sie in Relation zum Rest dieses 480 Seiten langen Rechenschaftsberichtes gegenüber der amerikanischen Öffentlichkeit und der Welt setzt.

Was „Decision Points“ offenbart, ist ein eindrucksvolles, lehrreiches, aber dabei immer verständlich und interessant geschriebenes Zeitdokument über eine Präsidentschaft, die von menschlicher Größe, Führungsstärke, Weitblick, dem bedingungslosen Willen, die eigene Nation nach dem 11. September vor weiterem Terror zu beschützen, von Verantwortungsbewusstsein und Mitgefühl gegenüber den Armen und Schwachen, vor allem aber von der Überzeugung gekennzeichnet war, dass jeder Mensch, wenn man ihn vor die Wahl stellt, sich für ein Leben in Freiheit entscheiden würde.

Im Jahre 2000 angetreten und gewählt, um die großen innenpolitischen Fragen anzupacken, die vor allem das Bildungswesen, die soziale Sicherheit und die Herausforderungen des Rentensystems betrafen, stand George W. Bush mit einem Mal vor einer Herausforderung, mit der zuvor nur wenige Präsidenten in der Geschichte der USA konfrontiert waren: Nämlich mit einem beispiellosen Akt der Aggression, der am 11. September 2001 einen Krieg ins eigene Land trug, der nicht mehr gegen einen konventionellen Feind und auf konventionelle Weise geführt werden konnte.

Er wollte diesen Krieg nicht, aber er zeigte sich vom ersten Augenblick an entschlossen, dem Terror und dem Hass die Stirn zu bieten, der die freie Welt bedroht.

Minuziös zeichnet George W. Bush nach, wie er und seine Administration das eigene Land schützen, die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen, dem Terror die Basis entziehen und den Menschen in den Ländern, aus denen die Bedrohung kam, eine Perspektive für eine Zukunft in Freiheit und Würde eröffnen wollten. Mit klarem Blick und durchaus selbstkritisch analysiert er auch, wo er seine Ziele nicht erreicht hat und wie er auf Entwicklungen reagierte, die befürchten ließen, die Vision freier Staatswesen im Irak und in Afghanistan könnte in Gefahr geraten.

„Decision Points“ verrät aber auch viel über den Menschen George W. Bush, über seine Familie, über seine Jugend, seine Schicksalsschläge und die positive Wendung, die seine Ehe mit Laura Bush und seine Wiedergeburt als Christ seinem Leben gegeben hatten.

Bush spricht ausführlich über die Überzeugungen, die sein politisches Lebenswerk kennzeichneten, seinen absoluten Respekt vor dem menschlichen Leben, der ihn in Fragen wie Abtreibung, Stammzellenforschung oder Sterbehilfe so klare und eindeutige Positionen beziehen ließ, sein soziales Gewissen, das ihn so vehement zum Verfechter eines parteiübergreifenden Konsenses bei der Bildungsreform „No Child Left Behind“ werden ließ, seinen Kampf gegen AIDS in Afrika oder seine Loyalität gegenüber seinen Mitarbeitern, Vertrauten und vor allem den Soldaten und ihren Familien.

Was George W. Bush am meisten bedauert, ist, dass es ihm nicht gelungen ist, einen parteiübergreifenden Konsens zur Reform der sozialen Sicherheitssysteme zu finden – da die demokratische Kongressmehrheit seit Ende 2006 nur noch Obstruktion betrieben hatte -, sowie dass er bei der „Katrina“-Katastrophe nicht schon früher die Armee mobilisiert hatte, um den formal zuständigen, aber völlig überforderten Autoritäten vor Ort zu Hilfe zu kommen.

Sein Weitblick und seine Fähigkeit, über den Horizont einer Wahlperiode hinaus zu denken, haben nicht nur innenpolitische Gegner, sondern vor allem auch europäische Politiker überfordert. Nicht nur in der Afghanistan- oder Irak-Politik sollte sich dies bemerkbar machen, auch dass George W. Bush bei seinen Friedensbemühungen im Nahen Osten korrupte, terroristische oder unfähige Persönlichkeiten wie Yassir Arafat nicht mehr als Verhandlungspartner akzeptierte, hinterließ allenthaben konsternierte Gesichter.

Es ist schade, dass sich kein Nachfolger als Präsident gefunden hatte, der auch nur annähernd das Format eines George W. Bush aufgewiesen hätte. So steht zu hoffen, dass die vielen sinnvollen Weichenstellungen für die Zukunft, die auf die 8 Jahre seiner Amtszeit zurückgehen, nicht leichtfertig verspielt werden.

„Decision Points“ ist jedenfalls ein Buch, an dem niemand, der sich ein objektives Bild über das Wirken des 43. Präsidenten der USA machen möchte, vorbeikommen wird.

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